ROSA BLOG

neues aus berlin

So

16

Mai

2010

gesprächsnotiz

 

Am Samstag war ich mit meiner Familie und unserem zwei Monate alten Labradorwelpen auf dem Wochenmarkt am Kollwitzplatz. Wir standen am Wurststand, während ich unfreiwillig Gesprächsfetzen zweier älterer Herren aufschnappte. Ohne respektlos erscheinen zu wollen, die beiden hatten offensichtlich ihre besten Jahre schon hinter sich. Die Meckernden waren mit der Gesamtsituation in Berlin unzufrieden. Mehr als einmal vernahm ich das Wort kriminell. Zunächst glaubte ich, es ginge um Hütchenspieler, illegale Zigarettenverkäufer oder Spekulanten. Ich stellte mir vor, wie die zwei reifen Herren eine Partei gründeten und innerhalb von kurzer Zeit als doppeltes Lottchen eine neue Regierung bilden würden. Auch die Schlagzeile in der Bildzeitung sah ich schon vor mir: Berlins Regierung beschließt, Hütchenspieler, illegale Zigarettenverkäufer und Spekulanten nach Brandenburg auszulagern. Würde es dann wieder eine Mauer geben und wer sollte sie bauen? Arbeitsplätze in Berlin zu schaffen, war grundsätzlich eine gute Sache. Würde aber Brandenburg sich das gefallen lassen? Möglicherweise schickte uns das daraufhin erheblich strapazierte Bundesland zu seiner Entlastung Brillenträger und Fahrradfahrer.

Doch im Laufe des Gespräches der Herren wurde mir klar, dass der Stein des Anstoßes weder Kriminelle noch Spekulanten, leider nicht immer voneinander zu unterscheiden, waren. Es ging um den Hund, den besten Freund des Menschen, und seine schmutzigen Geschäfte. Ich wurde blass und umklammerte verkrampft die Hundeleine, an deren Ende unser Hundebaby saß. Das Hundeverbot auf der Grünfläche ist seit 01.01.2010 aktiv. Der Grund sind die vielen Kinder, die man vor den vielen, vielen Hunden schützen muss. Leere Pizzaschachteln, kaputte Bierflaschen und Zigarettenstummel scheinen die Mütter und Väter weniger zu stören. Muss ich mit meiner Familie Berlin bald verlassen und wenn, wann? Muss der Kleine in ein Heim oder warten wir, bis die zwei Alten dort landen? Was machen die vielen Mütter und Väter, wenn ihre Kleinen groß sind und den Altersruhesitz Prenzlauer Berg verlassen? Kaufen sie sich möglicherweise einen Hund und verbieten Kinder am Kollwitzplatz?

Mein Gedankengang wurde von einer freundlichen Verkäuferin unterbrochen, die mich fragte, was es denn sein dürfe. Zunächst dachte ich an 500g Courage, da ich mich nicht wie üblich ungefragt in ein Gespräch eingebracht hatte, in dem eine Sichtweise rein subjektiv diskutiert wurde. Kurz darauf fragte man mich erneut, womit man mir dienen könne. Ich erkannte, dass 800g Haltung jetzt genau das Richtige sein würden. Schließlich stand ich in einer Schlange, in der es um die Wurst ging. Ich bestellte 500g Niere und fügte hinzu, für meinen Hund. Das Gespräch der Herren verstummte plötzlich. Ich lächelte die beiden freundlich an, sah nach unten und tätschelte unseren Vierbeiner so lange, bis auch der Letzte in der Reihe am Metzgereistand vor lauter Rührung fast die Fassung verlor. Dem Kleinen gefiel die ungeteilte Aufmerksamkeit. Er wedelte wie ein Verrückter mit dem Schwänzchen und setzte mit seinen großen schwarzen Kulleraugen einen perfekten Labradorblick auf. In diesem Moment hätte er den Eisberg zum Schmelzen bringen können, der vor 100 Jahren der Titanic zum Verhängnis geworden war. Die zwei Alten kramten in ihrer Einkauftüte und freuten sich wie Bolle, als ich ihnen erlaubte, unserem Hund ein Stückchen Wurst zu schenken.

 

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Sa

15

Mai

2010

schlangentourismus

 

Soll man oder soll man nicht? Seit zwei Jahren schleiche ich jeden Samstag in den Morgenstunden um die Bäckerei Siebert in der Schönfließer Straße 12 herum. Während die Tochter zu Hause sitzt und auf Brötchen wartet, hoffe ich, dass die endlose Schlange vor Berlins ältester Bäckerei irgendwann so kurz sein wird, dass auch ich die Geduld aufbringe, mich einzureihen. Auch wir wollen die Siebertbrötchen testen. Bisher war ich jedoch nur Zaungast und habe dabei zugeguckt, wie die Kiezianer sich anstellen, um Traditionsschrippen zu kaufen. Es hat sich sogar eine Art Schlangentourismus entwickelt. Der Schrippenauflauf der Siebertschlange wird inzwischen von Gästen aus dem asiatischen Raum auf der Digitalkamera festgehalten. Für mich ein Grund mehr, auf den Kamps Backshop auszuweichen. Es ist leider ungewiss, wann sich die Lage wieder stabilisieren wird.

 

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Fr

14

Mai

2010

flatulenzen

 

Wegen Flatulenzen aufgewacht, aufgestanden und Badewasser eingelassen. Leider war das Wasser kalt, infolgedessen Badezeit auf drei Minuten beschränkt. Danach frierend abgetrocknet und auf die Waage gestellt. Wieder ein Kilo zugenommen, trotzdem zwei Croissants zum Frühstück gegessen. An den Schreibtisch gesetzt und Computer hochgefahren, dabei aus dem Fenster geguckt und die U 2 vorbeirattern gesehen. Den Wasserhahn in der Küche tropfen gehört. Versucht, das Geräusch zu ignorieren, wie das Klingeln des Telefons. Nummer der Mutter erkannt und Tochter angewiesen, den Hörer bloß nicht abzunehmen, leider zu spät. Der Mutter zehn Minuten lang vorgetäuscht zuzuhören, aufgestanden und der Tochter eine geschmiert. Nur eine Ausnahme, sonst macht sie sich ihre Stullen selbst. Anschließend mit dem Hund Gassi gegangen, zugeguckt, wie er seine schmutzigen Geschäfte macht, und überlegt, welche Hunde für die Wirtschaftskrise zuständig seien. Zurück nach Hause getrottet und wieder an den Computer gesetzt, um virtuelle Briefe zu bearbeiten. Zwischendurch Kümmeltee gekocht, die erste Zigarette geraucht und darüber nachgedacht, ob ich meiner besten Freundin wirklich zum 40. Geburtstag gratulieren soll. Den Rest des Tages darüber geärgert, dass in einer Packung Pringles nur 90 Chips sind, obwohl auch Platz für 100 wäre.

 

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Sa

08

Mai

2010

sparpläne

 

Diesen Monat spare ich mir die Zigaretten. Das dachte ich nach einer sehr langen Nacht mit reichlich Maibowle und so viel Tabak, dass ich ein ganzes Wespennest damit hätte ausräuchern können. Am nächsten Morgen ging es mir wirklich schlecht. Meine Lunge quietschte wie die Kupplung eines 30 Jahre alten Fords. Ich war tatsächlich der Überzeugung, es wäre ein Leichtes, das mir selber auferlegte Sparprogramm durchzuziehen. Immerhin kostet mich der Konsum der Droge Nikotin im Monat fast 100 Euro, und wenn alles schlecht läuft, ein paar Jahre meines Lebens.

Schon nach 36 Stunden musste ich mein Projekt KEIN GELD FÜR DROGEN für gescheitert erklären. Der innere Schweinehund hatte mich schon nach der zweiten Runde besiegt. Aber warum? Bin ich zu schwach? Ist er zu stark? Bin ich etwa doch süchtiger als ich dachte? Oder hab ich es einfach nicht so mit dem Sparen? Manchmal rauche ich tagelang keine einzige Zigarette. Sogar während meiner 14-tägigen Reise durch Ghana kam ich gerade mal auf insgesamt 3 Schachteln. Dort kosteten die mich übrigens zusammen nur lausige ein Euro fünfzig. Würde ich nach Ghana auswandern, könnte ich ganze 80 Euro im Monat sparen. Aber ich fürchte, der Schweinehund würde einfach mitkommen. Vielleicht sollt ich beginnen, mit Worten zu sparen, meine Gedanken zur Bank zu bringen, sie anzulegen, zu verzinsen und zum richtigen Zeitpunkt auszahlen zu lassen.

 

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Fr

07

Mai

2010

kalte füße

 

Acht Milliarden Euro gehen jetzt also tatsächlich von deutschen Banken nach Griechenland. Klar, nachdem wir denen 2008 ordentlich unter die Arme gegriffen haben, können die es sich ja wieder leisten. Bin ich die Einzige, die dabei kalte Füße bekommt? Bei den Temperaturen wahrscheinlich kein Wunder. Aber immerhin, am Sonntag ist Tag der verlorenen Socke, vielleicht finden wir dann, was schön längst verloren wurde, und mir wird wieder wärmer. Möglicherweise wird meine Wohlfühltemperatur steigen, wenn mir meine Tochter zum Muttertag erneut Gutscheine für diverse Arbeiten im Haushalt schenkt. Auch wenn ich weiß, dass meine Haushaltshilfe gerne alles so lange vor sich herschiebt, bis sich das Haushaltsproblem wie von Zauberhand gelöst hat.

 

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